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Weissensee statt Westbalkan: Ich folge brav Susanne Raab

MELISA ERKURT FALTER & MEINUNG, FALTER 28/20 VOM 08.07.2020

Letzte Woche — einen Tag vor dem ersten Österreich-Urlaub meines Lebens – war ich am Verzweifeln: Ich besitze weder Wanderschuhe noch Dirndl noch Regenjacke, und dass sind offenbar die Sommerutensilien, die man im Heimaturlaub braucht. Die Menschen aus der Österreich-Werbung, die mir dank Algorithmus die ganze Zeit in meinen Feed gespült werden, sind alle blond und tragen Dirndl. Mein ganzes Leben lang bin ich im Sommer nach Bosnien, in die Heimat meiner Eltern, gefahren und ein paar Tage ans Meer nach Kroatien – das Einzige, was wir gebraucht, haben, waren Badekleidung und genug Euroscheine für die Verwandten, die glauben, dass wir in Österreich im Luxus leben, während unsere Eltern in Wirklichkeit Klos putzen. In meiner Schulzeit habe ich zwar auf Schullandwochen andere Bundesländer bereist, aber wirklich gute Erinnerungen daran habe ich nicht: Ich musste die ganze Zeit Spaghetti mit Ketchup essen, weil das die einzige Alternative zu Schwein war. In Kärnten drückte mir Jörg Haider höchstpersönlich einen Wahlkampfapfel in die Hand, den ich heimlich aß, weil ich Spaghetti mit Ketchup nicht mehr sehen konnte. Das schlechte Gewissen plagt mich noch heute. Aber ich hatte Glück, die meisten meiner Freundinnen mit sichtbarerem Migrationshintergrund wurden auf Schullandwochen rassistisch beschimpft. Jetzt schreibe ich diese Zeilen am wundervollen Weißensee. Vorhin hatte ich den ganzen See für mich allein zum Schwimmen, Touristen gibt es wenige. Aber vielleicht bin ich kein Maßstab, weil ich vor der Hauptsaison da bin, weil Corona-Zeit ist oder weil ich es aus Makarska gewohnt bin, dass alle wie Sardinen in der Dose am Strand nebeneinander liegen, während einem Strandverkäuferinnen schreiend Eis, Kukuruz und Krapfen andrehen wollen. Hier am Weißensee dagegen hat man seine Ruhe. Ein Eisgeschäft wäre schon nett, aber ich will mich nicht beschweren. Loyalität zu Österreich fordert schließlich Integrationsministerin Susanne Raab: „Ich appelliere an alle Menschen mit Migrationshintergrund, besonders an Menschen mit Wurzeln in den Westbalkan-Staaten oder der Türkei: Nehmen Sie die Reisewarnung des Außenministeriums ernst.“ Jährlich machen tausende Österreicherrinnen Urlaub in der Türkei und auf dem Westbalkan, wieso werden nur Migrantinnen angesprochen? Twitter ist jetzt auch nicht unbedingt das Medium, über das man Migrantinnen erreicht, eher signalisiert der Tweet der Mehrheitsgesellschaft: Diesen Migrantinnen kann man nicht vertrauen, für die muss man das extra betonen. Frau Ministerin, machen Sie sich keine Sorgen, wir sind nicht begriffsstutzig – sehen Sie, ich bin statt an den Westbalkan nach Kärnten gefahren. Manch einer findet sowieso, dass da kein großer Unterschied besteht.

 

*Männer sind in dieser Kolumne immer mitgemeint Melissa Erkurt kommentiert hier wöchentlich bildungspolitische Themen, aber nicht nur.

 

Die Autorin, geboren in Sarajevo, ist freie Journalistin beim ORF Report und war Lehrerin an einer Wiener AHS.

 

erkurt@falter.at




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